Dienstag, 4. September 2012

song of myself.



Plötzlich höre ich ein Klopfen an meiner Tür und schrecke aus meinen Gedanken heraus. Ich wundere mich, wer mich um diese späte Zeit nach Mitternacht noch sehen will. Mit Fragezeichen in meinen Augen starre ich auf die Tür, ohne mich von meinem Stuhl zu erheben. Das Klopfen ertönt noch einmal, aber dieses Mal drängender. Kein gutes Zeichen. Ich stehe auf und laufe zur Tür, zögerlich öffne ich sie. Da sehe ich, wer es ist. Er. Schon wieder. Mein Herz beginnt bei seinem Anblick heftig zu pochen und mein Atem stockt beinahe. Ich erstarre bei seinem Anblick und kann mich nicht mehr bewegen. Unsere Blicke halten sich für einige Sekunden eine gefühlte Ewigkeit. Sein Mund formt sich zu einem überaus schönen Grinsen und zum Vorschein kommen die weissesten und geradesten Zähne das perfekte Lächeln schlechthin. Er schaut mich mit einem liebevollen Blick an und bittet um Einlass. Wieder einmal. Ich zögere, eigentlich möchte ich das nicht, so oft habe ich versucht, ihn von mir fernzuhalten. Aber er kommt immer wieder. Lange bewege ich mich nicht vom Fleck und weiss nicht, wie es um mich geschieht. In mir drin zieht sich mein Magen zusammen und ich beginne, mich zu verkrampfen. Bedachtsam mache ich einen Schritt nach hinten und er nutzt diese Gelegenheit, um sich Eintritt zu verschaffen. Ruhig schliesse ich die Tür. Ich traue mich nicht, ihm in die Augen zu schauen, daher mustere ich lieber den Boden. Er spürt meine Unsicherheit und hebt mit einer Hand meinen Kopf, sodass ich gezwungen bin, ihn anzusehen. Verführerisch schaut er mir in die Augen und nimmt meine Hand in seine. Als er merkt, dass ich nicht reagiere, umarmt er mich innig und meint, dass er mich vermisst hätte. Ich sollte ihn rausschmeissen, ganz ehrlich, aber ich kann nicht, in seiner Nähe wird einfach jede schwach, jedenfalls die meisten Frauen und ich zähle leider dazu. Seine Umarmung ist zärtlich und warm, sie tröstet mich irgendwie und gibt mir auf seltsame Weise Halt. Obwohl ich weiss, warum er hier ist und dass es zig Gründe gibt, warum ich ihn endgültig abschreiben sollte, kann ich ihn nicht einfach vor die Tür setzen. Jetzt, da er vor mir steht, so attraktiv und atemberaubend, fällt es mir schwer, meine Vorsätze in die Tat umzusetzen. Er löst sich von der Umarmung, schaut mich mit seinen süssen Augen an und bewegt sich dann in Richtung Schlafzimmer. 

Tausend Gedanken schwirren mir im Kopf herum, als ich ihm hinterher schlurfe, doch ich höre nicht auf meinen Verstand, sondern lege mich sachte neben ihn aufs Bett. Zuerst liegen wir beide nur nebeneinander und schauen die Zimmerdecke, die letzte Woche frisch gestrichen wurde, an. Das Ticken des Weckers scheint immer lauter zu werden und mit jeder neuen verstrichenen Sekunde werde ich nervöser. Was nun? Ich habe Angst, aber anstatt vernünftig zu handeln, liege ich nun neben dem Übeltäter, der mein Leben um einiges schwieriger gemacht hat. Eigentlich ist er Schuld an dem ganzen Leid, das ich erleben musste, Schuld an den ganzen Zwängen, Schuld an der Hölle, durch die ich gegangen bin. Aber der Witz ist, dass ich es wieder tun würde. Ja, ich würde es noch einmal tun, weil er dadurch bei mir ist und mir Kraft gibt. Er spendet mir Trost, spricht mir Mut zu, hält mich fest in seinen Armen, damit ich den Weg weitergehen kann. 

Ich drehe mich zu ihm und sehe ihn an. In meinem Körper das reinste Gefühlschaos, Verstand und Gefühl bekriegen sich. Er dreht sich nun auch zu mir und streicht eine Strähne aus meinem Gesicht. Er rückt näher an mich heran, so dass ich seinen Atem spüren kann.
Ich weiss ganz genau, in was für einen Mist ich mich wieder geritten habe. Was macht ihn so stark, was macht ihn so anziehend? Warum kann ich nicht einfach widerstehen? Ist es der Weg, auf dem er mich immer begleitet hat, das Ziel und die tollen Möglichkeiten, die er mir verspricht und sich durch meine harte Arbeit ergeben werden? Was macht ihn so begehrenswert, dass viele sich aufgeben und freiwillig in die Hölle wandern, nur um sein Verlangen zu erfüllen? Ja, ich bin nicht die Einzige, ich weiss, dass er mich mit anderen betrügt, die durch ihn genauso leiden wie ich. Und doch komme ich, kommen wir, nicht von ihm los. Fehlt es mir an Disziplin und Wille? Bin ich zu schwach? Mir wirft er eher vor, ich wäre zu schwach, um seine Befehle auszuführen, ich müsste mehr kämpfen...

Er ist attraktiv, anziehend, wunderschön anzusehen, zudem ist er ein Gentleman, überaus zuvorkommend, liebenswürdig, schmeichelhaft, aufmerksam; jedoch auch dominant, äusserst besitzergreifend und hartnäckig. Wenn er etwas will, dann bekommt er es auch. Die Aufmerksamkeit und das Besitzen von uns Sklavinnen macht ihn stolz, gibt ihm das Gefühl von Macht. Obwohl er uns zu seinen perversen Zwecken missbraucht, gibt er uns trotzdem die Liebe, die wir von anderen nicht bekommen, die wir brauchen, um jeden Tag weiterzuleben. Aber der Preis, den wir bezahlen müssen, um ihn zu haben, ist unglaublich hoch und der Weg voller Leiden. Wir sehen nicht einmal ein, dass wir Opfer sind, solange wir mit ihm zusammen sind, solange seine Flüche auf uns liegen, solange wir versuchen, ihm zu gehorchen und seine Liebe zu gewinnen. Wir begreifen eher zu spät als zu früh, dass wir Gefangene und Spielfiguren seines Willens und seiner Fantasie sind.

Obwohl ich mir dem allen sehr bewusst bin, gebe ich mich ihm hin, mit dem neuerwachten Willen, seinen Anweisungen zu folgen, wieder ihm zu gehören, seine Kraft wieder in mir zu spüren. Wieder einmal. Eigentlich hatte ich mich von ihm abgewendet, eigentlich wollte ich nicht mehr Teil seines Spieles sein, eigentlich wollte ich reales Glück erleben, ohne leiden zu müssen, eigentlich wollte ich ihn hinter mir lassen; doch dieses Verlangen, ihm zu dienen, ist so stark, seine Anziehungskraft so unglaublich gross, dass es mir schwerfällt, zu widerstehen. Ich kehre allmählich mit den Gedanken zurück zu der Szene im Bett. Anscheinend habe ich nichts gelernt, anscheinend bin ich noch genauso dumm wie damals, doch es ist mir egal. Langsam entspanne ich mich und schmiege mich an ihn. Die rettenden Schreie in meinem Kopf verstummen immer mehr, weil sie wissen, dass ich mich wieder für ihn entschieden habe, nicht für mich. Wir tauschen sehnsüchtige Blicke aus und er küsst mich lange, dann formt er die Worte: Ich bin froh, dich wieder auf meiner Seite zu haben, Liebling. Morgen machen wir dort weiter, wo wir vor einiger Zeit aufgehört haben.


Dieser Text verwendet den Mann zur Personifizierung einer Krankheit.

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