Mittwoch, 26. Dezember 2012

grey feel.

Verschwitzt und nach Luft japsend, wacht sie aus ihrem Schlaf auf. Voller Angst blickt sie panisch um sich, bis sie realisiert, dass sie in ihrem Zimmer ist, dass sie nur geträumt hat. Sie knipst ihre Nachttischlampe an und setzt sich in ihrem Bett auf, während sie in jede Ecke ihres Zimmers schaut, um sich zu vergewissern, dass alles im normalen Zustand geblieben ist. Äusserlich ist alles normal geblieben, doch in ihrem Innern dreht und windet sich alles. Der Traum spielt sich weiterhin wie ein Film in ihrem Kopf ab, scheint einfach nicht verschwinden zu wollen. Sie versucht die krankhaften und verstörenden Bilder aus dem Kopf zu jagen, in dem sie sich durch das Buch "Die Zeit, die Zeit" versucht abzulenken. Doch es gelingt ihr nur schwer. Sie muss sich richtig auf jedes einzelne Wort konzentrieren, so dass nicht von neuem Bilder in ihr inneres Blickfeld vordringen. Irgendwann gibt sie auf und schlurft genervt in die Küche.
Als Kind hat ihr eine Tasse heisse Schokolade immer geholfen, den bösen Traum zu vergessen und wieder unbesorgt einzuschlafen. Sie nimmt eine Pfanne aus der Schublade, schraubt auf die höchste Erhitzungsstufe und beginnt, Milch aufzuwärmen. Während sie die Tasse und das Schokoladenpulver aus dem Schrank holt, tauchen blitzschnell wieder diese Bilder auf. Sie zuckt zusammen und erstarrt sofort, als eines dieser besonderen Bilder auftritt. Die Tasse und die Packung fallen scheppernd zu Boden, Scherben verteilen sich auf dem Küchenboden, die Packung bleibt zum Glück verschlossen. Das klirrende Geräusch nimmt sie jedoch gar nicht wahr. Schock und Angst durchqueren ihren gesamten Körper und sie kann sich vor Anspannung gar nicht bewegen. Nach etwa einer Minute löst sich die Anspannung und sie kommt wieder zurück in die Realität. Sie betrachtet das Chaos auf dem Boden und geht langsam in die Knie, um die zerbrochene Tasse in den Müll zu werfen. Dabei merkt sie gar nicht, wieviel Zeit sie für diese einfache Arbeit benötigt. Die Milch hat sie schon lange vergessen, welche bereits am Überkochen ist. Ihr grosser Bruder taucht plötzlich im Türrahmen auf und sieht seine 19-jährige Schwester auf dem Boden, die zwar den Boden aufräumt, aber gedankenverloren ins Nichts blickt. Als er die Milch sieht, rennt er blitzartig an den Herd, nimmt die Pfanne, um sie ins Abwaschbecken zu schmeissen. Sobald das Wasser läuft, lässt er hörbar die Luft raus und stellt den Herd ab. Sie scheint ihn gar nicht richtig wahrzunehmen, bis er eine Hand auf ihre Schulter legt. Sie blickt ihn an und er versteht sofort, dass sie wieder einen dieser Träume hatte. Er räumt die Küche auf und trägt dann seine Schwester zurück ins Bett. Er versucht mit ihr zu reden, doch sie will nicht. Sie will einfach in Ruhe gelassen werden. Gegen diese Träume kann man nichts machen. Diese Erinnerungen, dieses Trauma kann nicht rückgängig gemacht werden. Er schliesst die Zimmertür hinter sich und geht zurück in sein eigenes Bett. Er wünscht sich, er könnte ihr helfen. Am liebsten würde er ihn umbringen, aber er weiss, dass er damit niemals diese grausamen Träume und Erinnerungen verscheuchen würde...

1 Kommentar:

  1. Hey, das ist ein richtig schöner, aber auch trauriger Text. Ich finde es gut, dass du so ein bisschen offen lässt, was ihr den zugestoßen ist. Und dass du auch erst am Ende erklärst, dass das ihre bösen ERinnerungen sind und nicht nur irgendwelche bösen Träume.
    Mir tut sie richtig leid, auch wenn man nicht weiß, was ihr zugestoßen ist.
    Den Bruder mag ich irgendwie, ich mag generell solche Brüder, die ihre Schwestern beschützen wollen ;)
    LG Jana

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